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Verstehen · 10 Minuten

Hochbegabte Kinder erkennen, verstehen, unterstützen: was ich nach vier Kindern weiss

Es gibt viele Listen mit Merkmalen. Was fehlt, ist meistens das Dazwischen: warum ein kluges Kind in der Schule scheitert, warum es bei der kleinsten Hürde aufgibt, und warum die Erwachsenen so oft das Falsche sehen.

Von Muriel · Zuerst erschienen auf momof4.ch, hier neu geschrieben

Muriel liest mit zwei Kindern

Als ich diesen Text vor zwei Jahren zum ersten Mal schrieb, war er eine Sammlung von allem, was ich über Hochbegabung gelesen hatte. Heute würde ich ihn anders anfangen: mit dem, was ich gesehen habe. Vier Kinder, drei davon in der Schule als begabt erkannt, und bei jedem ein anderer Weg dorthin. Das hier ist der Beitrag, den ich damals gern gelesen hätte.

Was Hochbegabung ist, und was nicht

Die trockene Definition: ein IQ ab 130, die obersten zwei bis drei Prozent. Was das im Alltag heisst, ist weniger trocken. Diese Kinder lernen schnell, verstehen Zusammenhänge, bevor man sie erklärt hat, und stellen Fragen, auf die man keine Antwort hat. Manche haben eine Begabung, für die sie brennen, Musik, Mathematik, Sprachen. Andere, und dazu gehören meine, sind einfach in allem gut, ohne das eine Talent. Das ist die Form, die am seltensten erkannt wird, weil nichts heraussticht. Es fällt nur auf, dass das Kind sich langweilt.

Was Hochbegabung nicht ist: eine Garantie. Nicht für gute Noten, nicht für einen guten Schulweg, nicht für ein leichtes Leben. Das ist der erste Irrglaube, und er hat bei uns am meisten Schaden angerichtet.

Woran du es früh erkennst

Die Merkmale, die in jeder Liste stehen, stimmen: früh sprechen mit grossem Wortschatz, ein Gedächtnis für Details von vor Monaten, ein Blick, der alles registriert, Interesse an Buchstaben und Zahlen, bevor jemand sie beibringt, Fragen zu Tod, Krieg und Gerechtigkeit mit vier oder fünf. Oft, nicht immer, kommt die Motorik früh dazu: sitzen, laufen, klettern, alles vor der Zeit. Bei uns lief das erste Kind mit knapp zehn Monaten und sprach mit einem Jahr in Sätzen. Die Grosseltern fanden es gefährlich, dass ein Baby auf der Küchenkombination sass. Das Baby fand es normal.

Was in den Listen selten steht, aber für mich das verlässlichste Zeichen ist: das Kind lernt anders. Es überspringt Schritte. Es will nicht das Zwischenresultat, sondern die Lösung, und es hat sie oft, bevor es sie erklären kann. Es lernt nicht durch Wiederholung, sondern durch Verstehen, und es verweigert Wiederholung, sobald es verstanden hat. Genau dieses Muster wird in der Schule später zum Problem.

Und dann ist da die Intensität. Hochbegabte Kinder nehmen mehr wahr, das Etikett im Pullover, das Licht im Supermarkt, die Stimmung am Tisch. Sie reagieren stärker, auf Schönes wie auf Unangenehmes. Von aussen sieht das aus wie Empfindlichkeit oder Verwöhntsein. Es ist dasselbe Nervensystem, das auch das schnelle Denken macht. Wer das versteht, passt die Umgebung an, statt das Kind.

Warum die Schule so schwierig ist

Eine Psychologin hat es mir einmal so erklärt: Ein hochbegabtes Kind fühlt sich in der Schule, wie du dich als Schweizerin in einem Deutschkurs für Anfänger fühlen würdest. Sechs Stunden am Tag. Jeden Tag. Du wärst nicht dankbar für den Unterricht. Du wärst nach einer Woche unerträglich.

Das ist die Unterforderung, und sie macht drei Dinge mit einem Kind. Es stört, weil es beschäftigt sein will. Es träumt, weil es abschaltet. Oder es passt sich an, wird unauffällig, liefert das Minimum, und niemand merkt etwas, am häufigsten bei Mädchen. Alle drei werden falsch gelesen: als Verhaltensproblem, als Aufmerksamkeitsproblem, als Durchschnitt.

Dazu kommt das Soziale. Ein Kind, das mit sieben über Gerechtigkeit diskutiert, findet in der Klasse selten jemanden, der mitdiskutiert. Es sucht ältere Kinder oder Erwachsene, oder es bleibt allein. Das ist nicht Arroganz, es ist Einsamkeit, und sie sieht bei Kindern oft aus wie Trotz.

Der Irrglaube, dass diese Kinder alles können

«Wenn er könnte, würde er.» Diesen Satz habe ich von Lehrpersonen mehr als einmal gehört, und er ist der Kern des Missverständnisses. Die Annahme: Ein kluges Kind, das nicht liefert, will nicht. Die Wirklichkeit: Es kann etwas nicht, das mit Intelligenz nichts zu tun hat. Vier Muster, die ich bei meinen Kindern und bei vielen anderen gesehen habe.

Der Ehrgeiz, der nachlässt. In den ersten Schuljahren sind diese Kinder oft begeistert. Endlich lernen. Dann merken sie, dass es nichts zu lernen gibt, und die Begeisterung wird zu Frust. Wer das Kind mit zehn sieht, sieht ein unmotiviertes Kind. Wer es mit sechs gesehen hat, weiss, dass das nicht stimmt.

Die Verarbeitungsgeschwindigkeit, die sinkt. In den Tests fällt bei vielen dieser Kinder eine Lücke auf: Das Denken ist sehr hoch, das Tempo beim Abarbeiten deutlich tiefer. Bei meinem ältesten Kind sank dieser Wert von Test zu Test. Das ist kein Defekt. Es ist, was passiert, wenn ein Kind jahrelang lernt, sich auszubremsen, weil das Tempo im Raum ein anderes ist.

Underachievement. Das Kind, das kann und nicht liefert. Aus Langeweile, aus Angst zu versagen, oder weil es dazugehören will und Leistung dabei stört. Mein ältestes Kind hat die Primar mit einem Schnitt über 5,7 abgeschlossen und die ersten zwei Jahre der Sekundarschule mit ungenügenden Noten. Dasselbe Kind. Was sich verändert hatte, war nicht die Begabung.

Es hat nie gelernt zu lernen. Das ist das tückischste. Wer bis zwölf alles auf Anhieb verstanden hat, hat keine Ahnung, wie Üben geht, wie man einen Stoff in Teile zerlegt, wie man dranbleibt, wenn es nicht sofort klappt. Die erste echte Hürde, oft in der Oberstufe oder im Gymnasium, trifft ein Kind ohne jedes Werkzeug. Es sieht dann aus, als sei die Begabung verschwunden. Sie ist noch da. Es fehlt die Technik.

Die tiefe Frustrationstoleranz

Daraus folgt das Merkmal, das im Alltag am meisten nervt: Wenn etwas nicht sofort geht, wird es abgelehnt. Nicht aus Faulheit. Diese Kinder kennen das Gefühl nicht, etwas nicht zu können. Sie haben es nie gebraucht. Und weil sie es nicht kennen, halten sie es nicht aus. Bei meinen Kindern galt und gilt das bis heute, und ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass ich ihnen dieses Gefühl bewusst zumuten muss: Aufgaben, die zu schwer sind. Etwas, das man üben muss. Ein Instrument, eine Sprache, ein Sport, bei dem man am Anfang schlecht ist. Nicht als Strafe, sondern als Training für das, was die Schule nicht liefert.

In der Fachliteratur heisst das Ganze Dyssynchronie oder ungleichzeitige Entwicklung: Der Kopf ist zwölf, das Gefühl ist sechs, die Hand ist acht. Ein Kind, das über den Tod diskutiert und abends das Kuscheltier braucht, ist nicht widersprüchlich. Es ist hochbegabt.

Was das Kind von dir braucht

Erstens jemanden, der es sieht. Bei allen meinen Kindern war ich die Erste, die es bemerkt hat, und beim ersten Kind hat mir niemand geglaubt. Ich habe gelernt, das nicht persönlich zu nehmen und trotzdem nicht aufzuhören. Du kennst dein Kind. Sammle Beispiele, konkret, mit Datum, und geh damit zur Schule. Nicht als Vorwurf, als Information.

Zweitens Forderung, wo die Schule sie nicht liefert. Bei uns waren das keine Förderprogramme, sondern der Alltag: kochen, Verantwortung im Haushalt, allein zur Schule ab sechs, eine zweite und dritte Sprache, Bücher weit über dem Alter. Andere Eltern fanden das verantwortungslos. Die Kinder fanden es endlich interessant.

Drittens Verständnis für die Gefühlsseite. Die Intensität, die Empfindlichkeit, die Wut über Ungerechtigkeit, das alles gehört dazu und wächst sich nicht aus. Ein Kind, das mehr wahrnimmt, braucht mehr Ruhe, nicht mehr Programm.

Und viertens andere Eltern. Ich war jahrelang Mitglied im Elternverein für hochbegabte Kinder und habe dort mehr gelernt als in jedem Buch, vor allem, dass ich nicht die Einzige bin, die als «das Problem» gilt. Wo du solche Eltern findest, steht auf der Anlaufstellen-Seite.

Und jetzt?

Wenn du dich beim Lesen mehrmals wiedererkannt hast, ist der nächste Schritt nicht der IQ-Test, sondern das genaue Hinschauen: Die Checkliste mit sieben unterschätzten Anzeichen geht die Zeichen durch, die am häufigsten übersehen werden, und der 2-Minuten-Test ordnet 25 Merkmale nach dem Alter deines Kindes. Wenn danach eine konkrete Frage im Raum steht, lies, wie eine Abklärung abläuft, bevor du eine machst. Und wenn du eine Frage hast, die hier fehlt: Schreib mir.

Checkliste: 7 unterschätzte Anzeichen

Zum Anhaken, mit Einordnung, als PDF zum Mitnehmen.

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SPD oder privat, was beim Test passiert, was die Zahl bedeutet.

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