Ich bin Muriel, Mutter von vier Kindern. Drei davon wurden in der Schule als begabt erkannt und gefördert, zwei gingen an die Kinderuni. Und bei allen vieren war ich diejenige, die es zuerst gesehen hat. Gehört hat man mir erst beim vierten.
Mein ältestes Kind war ein Baby, bei dem nichts so lief wie im Ratgeber. Schlafen ging nur mit einem Tuch über dem Kopf und einer Rückenmassage. Mit drei Monaten wollte es richtiges Essen, mit sechs sass es sicher auf dem Rutschauto, mit knapp zehn Monaten lief es, mit einem Jahr sprach es in ganzen Sätzen. Mit zweieinhalb nahm es meinen Autoschlüssel und fuhr das Auto in die Wand. Wir lebten damals im Ausland und zogen in die Schweiz, weil wir dachten, hier gebe es Förderung.

Mit acht Jahren der erste IQ-Test beim Schulpsychologen. Mein Kind fand die Aufgaben so dumm, dass es sie absichtlich falsch machte: Beim Formentest den Stern in den Stern, das Quadrat ins Quadrat, und dann alle Formen überall hinein, wo sie Platz hatten, weil sie ja passten. Das Ergebnis lag trotzdem hoch, in einzelnen Bereichen sehr hoch. Im Gesamtwert aber genau einen Punkt unter der Grenze, ab der sich die Schule damals zur Förderung verpflichtet fühlte. Die wenigen Plätze gingen nach Punkten. Ein Punkt.
Das ist die Geschichte, die so viele Eltern kennen. Mein Kind war in der Schule gelangweilt, wir wechselten vier- oder fünfmal die Schule, es schloss die Primar mit einem Schnitt über 5,7 ab, und trotzdem kam es nicht ans Gymnasium, weil die Empfehlung der Lehrperson fehlte. Es könne nicht lernen, hiess es. Das stimmte sogar. Es hatte nie lernen müssen.
In der Sekundarschule wurde aus dem gelangweilten Kind ein Underachiever. Ein zweiter Test ergab wieder fast denselben Wert, aber der spielte jetzt keine Rolle mehr: Der Aufstieg ins Gymnasium läuft in der Schweiz über Leistung, so steht es im Gesetz, und genau die brachte mein Kind nicht mehr. Die ersten beiden Jahre ungenügend, im dritten ein neuer Lehrer, der es verstand, und plötzlich ein Abschluss mit knapp einer Fünf. Eine auf Hochbegabung spezialisierte Praxis gab mir den Rat, mein Kind öfter zu Hause zu lassen, damit sein Kopf in der Schule nicht dauernd gemobbt werde. Ein normaler Schultag sei für dieses Kind, wie wenn ein Erwachsener den ganzen Tag auf einem Niveau reden müsste, das ihn nicht fordert.
Das Auffällige in beiden Tests war nicht die Begabung. Die war überall. Es war die sinkende Verarbeitungsgeschwindigkeit, das Zeichen dafür, dass ein Kind lernt, sich auszuhalten, statt zu denken. Von aussen sieht das aus wie ein Aufmerksamkeitsproblem, und so wird es oft behandelt.
Später zeigte sich, dass mein Kind Mathematik nicht schlecht konnte, wie man ihm jahrelang gesagt hatte, sondern anders: Es sah die Aufgabe und hatte die Lösung, nur den vorgeschriebenen Lösungsweg wollte es nicht aufschreiben. Als Erwachsener liess es sich nochmals testen. Der Wert lag weit über allem, was die Schule je gemessen hatte.
Meine jüngeren Kinder wurden in der Schule von Anfang an gefördert, ohne dass wir je eine formelle Abklärung machten. Nicht weil das System besser geworden war, sondern weil ich die Fehler von vorher kannte und die Schule von Anfang an darauf hinwies. Der Preis dafür: Ich war schnell «das Problem». Einmal hiess es, ich solle meinen Kindern das nicht einreden. Einmal Helikoptermutter. Im Jahr darauf, das Kind sei wohlstandsverwahrlost, weil es Abgabetermine verpasste und das Turnzeug vergass, was man mir als fehlendes Interesse auslegte. Dasselbe Kind, dieselbe Mutter, je nach Lehrperson eine andere Diagnose für mich.

Das eine Kind ist angepasst, ruhig, immer gute Noten; ohne aufmerksame Lehrpersonen hätte man es nie bemerkt, und genau so bleiben die meisten Mädchen unentdeckt. Das andere ähnelt dem Ältesten, kann aber sagen, was los ist. Es übersprang eine Klasse und war danach wieder kaum gefordert.
Was alle drei teilen, ist die tiefe Frustrationstoleranz. Wenn etwas nicht sofort geht, lehnen sie es ab. Sie wissen nicht, wie es sich anfühlt, etwas zu üben oder gar nicht zu verstehen. Das ist keine Charakterschwäche, es ist die Folge davon, dass es in der Schule nie nötig war.
Gefördert wurden meine Kinder zu Hause, nicht in der Schule. Sprachkurse, Kochen, Haushaltsaufgaben, die sie wirklich forderten. Ab sechs Jahren gingen sie allein zur Schule, in den Bus, ins Hobby. Den Turnsack packten sie selbst, die Haustiere versorgten sie selbst. Später brachte ich ihnen Italienisch bei und Stoff, den es sonst erst an der Uni gibt. Für mich waren das Schritte, meine Kinder zu fordern. Für viele andere Eltern war es verantwortungslos, und sie sagten es mir auch. Ich habe gelernt, nicht hinzuhören, und der Schule zu sagen, dass ich meinem Kind absichtlich Verantwortung übergebe, damit es gefordert ist.
Was ich nicht wusste: dass das ein Ablaufdatum hat. Begabtenförderung endet in der Schweiz mit der Primarschule. Und ein Kind in der Pubertät orientiert sich nach aussen, nicht mehr an der Mutter. Genau dann, wenn die Probleme anfangen, wird die einzige Person, die fördert, lästig.
Ab 2016 war ich Mitglied der Elternvereinigung für hochbegabte Kinder und traf mich regelmässig mit anderen Eltern. Dort habe ich verstanden, dass meine Kinder generell begabt sind: gut in allem, ohne das eine Talent, für das sie brennen. Andere Eltern hatten Kinder mit einer Musik- oder Mathebegabung, für die es in der Regelschule gar nichts gab. Manche nahmen ihre Kinder aus der Schule und unterrichteten selbst, andere zahlten Privatschulen mit vier Kindern pro Lehrperson, wo schon in der Primar Physik unterrichtet wurde. Wir hatten das Geld dafür nicht.
Ich bin keine Psychologin und stelle keine Diagnosen. Was ich kann: die Fragen kennen, bevor du sie stellst, und die Antworten sortieren, die ich mir über zwanzig Jahre zusammengesucht habe. Fang mit der Checkliste oder dem Test an, wenn du einen Verdacht hast. Und wenn du eine Abklärung vor dir hast, lies zuerst, wie sie abläuft, damit dein Kind sie nicht zu dumm findet.
Muriel Urech Tsamis, Zug. Marketingfachfrau (MSc), Bloggerin auf momof4.ch, Mutter von vier Kindern.
Elternvereine, Schulpsychologie, Stiftungen, nach Land sortiert.
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